Schmerzen
Gestern abend ganz doll. Heute morgen dann zum Zahnarzt. Gemeinschaftspraxis - ich war sowohl bei ihr als auch bei ihm schon in Behandlung. Allerdings ist keiner von beiden da. Nur eine andere Ärztin, die ich gar nicht kenne. Das mag ich nicht, mir wird noch übler, als mir eh’ schon ist. “Is die nett?” frag ich die Schwester an der Rezeption und lächle dümmlich. “Sehr!” sagt die und lächelt ohne aufzuschauen, weil sie längst wieder irgendwas schreibt.
Ich warte, hol mein Buch raus, lese ein Kapitel und merke, daß ich gar nicht mitbekomme, was ich da lese. Ich steck das Buch ein. Die Minuten im Warteraum sind furchtbar. Der Praxisgeruch, die kalten Hände, die Geräusche aus den Behandlungsräumen. Ich habe die Beine überschlagen, mein Fuß wippt nervös, ich kau an zwei, drei Nägeln. Mein Mund ist trocken. Die Frau neben mir reibt sich ständig die Finger.
Nach einer Ewigkeit ruft mich die Schwester, die nette, die ich kenne und die so schrecklich lieb ist und wohl auch mal Händchen halten würde, denk ich mir. Ich setz mich auf den Stuhl, sie macht mir so ein Lätzchendings um, und ich informiere sie über den blöden Zahn und die Schmerzart, erst dieses Stechen, dann das Wummern, nun nur leichtes Tuckern, nein, kein Ziehen, und Weihnachten hatte er sich schonmal gemeldet, aber nur kurz und schwach. Sie schaut ihn sich an, erwähnt was von einer kleinen Karies, die unter der Füllung weiterarbeitet u.s.w.
“Ich hab ein bisschen Angst”, sag ich und lächle dümmlich. Sie lächelt schrecklich lieb, tätschelt mir die Schulter und sagt, Frau Doktor würde gleich kommen.
Frau Doktor kommt nach 10 Minuten, hat eine sympathische ruhige Stimme. Auch ihr sag ich nochmal, daß ich Angst hab, damit sie sich drauf einstellen kann und so. Dann fängt sie auch gleich zu bohren an, nachdem ich eine Spritze bekommen hab, und ich werd meine ekelhafte Gänsehaut einfach nicht los; ich spüre zwar keinen Schmerz, aber dieser Wasser- und Speichel- Einschlurp-Sauger ist widerlich. Sie fragt immer wieder, ob alles o.k. sei. “Nga”, sag ich dann immer. Die Wurzelkanäle werden bearbeitet und beschrubbt, dann kommt da ein Übergangsfüllungsmedikament (oder so) rein. Nächste Woche gehts dann weiter. Ich verabschiede mich lächelnd.
Der Moment, in dem ich die Praxis verlassen kann, ist wunderbar. Ich pfeif auf den Fahrstuhl, flitze die Treppen runter und komm an die eiskalte Luft. Einkaufen muß ich. Leute, die mir entgegen kommen schauen mich an, obwohl sie das natürlich nicht tun - eine betäubte Seite fühlt sich so komisch an, daß man glaubt, sie würde einen auch komisch aussehen lassen.
Weil ich morgens so aufgeregt war, hatte ich keinen Frühstücksappetit. Nun ist es nach elf, ich hab einen Mordshunger, darf aber noch nicht richtig essen. Ich hol mir zum “Vor-Mittag” etwas, das ich nicht großartig kauen muß (und auf das ich plötzlich wahnsinnig Appetit habe).
Ich weiß, dieses Zeug ist pures Gift, und ich esse das so gut wie nie. Aber schließlich war ich hungrig und mag Tütensuppen nicht.
January 17th, 2006 at 18:38 CET
Diese Angst vorm Zahnarzt kann ich Ihnen nachempfinden - ich habe mal, als eines Freitagabends die meinigen Schmerzen in einem *ichglaube* Backenzahn begannen, angefangen, sie zuerst mit Tabletten zu betäuben, wobei die Dosis alle paar Stunden kontinuierlich erhöht wurde, und als die nicht mehr anschlugen (was sie ja eigentlich von beginn an nicht taten), meine damals eigens gesammelten Likör-Miniaturfläschchen geköpft und damit gespült. Mir ging es - mit einer Mischung von “Blue Bols”, Bacardi und (ja, ich hab’s mal ausgerechnet, damals; die Anzahl vergesse ich nie) gut 30 Thomapyrins und Paracetamols - verhältnismäßig gut. Nur die Zahnschmerzen waren noch da. Schließlich ging es nicht mehr anders und ich ließ mich (selber fahren ging schon nicht mehr *g*) Sonntagabends zum Notdienst bringen. Seitdem habe ich keine Angst mehr und gehe sogar fast schon gerne hin. Ehrlich jetzt.
Achso: bei erzähltem Fall war ich 18. *g*
January 17th, 2006 at 21:39 CET
Hut ab, Frau B., Hut ab.
January 19th, 2006 at 16:23 CET
O.k. o.k. ich oute mich auch mal. Ich bin beim Zahnarzt schon 3 mal vom Stuhl gekippt, weil es mein Kreislauf nicht mehr mitgemacht hat. Puh. Jetzt ist es raus. Jetzt gehts besser. Aber weh getan hats trotzdem. Beim Lesen meine ich.
January 19th, 2006 at 21:18 CET
Manch einer hat’s schon nicht leicht.
January 19th, 2006 at 21:33 CET
Ja, aber leicht hats einen.
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