Geliebter Kletterbaum

Oma und ihre Schwestern hatten ein Haus. Mit riesengroßem Garten. Für meine Schwester und mich ganz phantastisch: tolle Außen-Verstecke zu Ostern; Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren, Nachbars Erbsen (heimlich), Gießen mit Schlauch im Sommer; Laubharken, Äpfel und Birnen im Herbst; Schneeschippen im Winter.

Im hinteren Teil des Gartens stand so ein Apfelbaum, der nur noch wenig Früchte trug. Er war sehr alt, knorrig und sah aus, als hätte er einem Blitzeinschlag mal geradeso standgehalten. Phantastisch zum Klettern. Bis ganz hoch hinauf konnten wir. In den Ferien saßen meine Schwester und ich sehr oft im Baum. Wir holten uns aus dem Kühlschrank einen kleinen Camembert, schnitten uns Brot ab, holten was zu trinken, manchmal ein kleines Eis oder Süßigkeiten aus Omas Schlafzimmerschrank (in dem die West-Schokolade lag). Und dann saßen wir dort und aßen, tranken, erzählten. Manchmal saßen wir auch einfach nur. Gelesen hab ich dort sicher auch. Manchmal saß einer von uns ganz allein im Baum. Manchmal saßen wir dort mit dem Jungen von Omas ehemaliger Arbeitskollegin, die Oma einen Teil des Grundstückes abgekauft hatte, sie und ihr Mann. Manchmal hatten wir Decken mit dabei, um eine Höhle zu bauen, oder ein dickes Seil zum Schaukeln (was glaub ich nie so richtig gelang). Der Baum war vielfältig einsetzbar: er war unsere Insel in einem Meer voller Lava, unser Turm, an dem keiner der Bösen hinauf kam, unser Schiff, mit dem wir heimlich nach Australien fuhren. Dramatisch war es.
Hier hab ich heimlich meinen ersten Liebesbrief geschrieben und ihn später zerrissen.

Ende der 80-er dann hat Oma das Haus tauschverkauft, an eine Familie mit zwei Kindern und deren Neubau-Wohnung. Meine Schwester und ich waren untröstlich. Wir mochten die beiden Jungs dieser Familie nicht, sie waren klein und dick, glaub ich, und wir mochten sie nicht. Sie würden von nun an in unserem Kletterbaum sitzen und vielleicht ranpinkeln. Jungs eben.

Die Familie bezahlte meiner Oma einen gewissen dreistelligen, noch fehlenden Betrag nicht mehr. Das ließ uns die Jungs noch ätzender finden, sie verdienten den Baum nicht.
Irgendwann nach der Wende erzählte uns Oma (sicherlich nicht ganz ohne Schadenfreude), daß es der Familie nicht gut ging. Der Mann war arbeitslos, die Frau hatte schon mehrmals versucht sich umzubringen. Was aus denen geworden ist, weiß ich nicht. Damals haben wir uns insgeheim über ihre Misere gefreut. Wir fanden das gerecht. Ich stellte mir oft vor, wie sich die Jungs auf den Baum flüchteten, dort nägelkauend und stumm warteten, in der Hoffnung, die Stimmung im Hause würde schnell besser werden.

Wir hatten nie eines dieser tollen Baumhäuser, aber wir hatten diesen Baum. Ich würd gern wissen, ob er noch steht. Ich hab nichtmal ein Foto von ihm.

1982 oder so

Wir waren glücklich.

1988 oder so

Wir waren tollkühn.

11 Responses to “Geliebter Kletterbaum”


  1. Ey! Sacht nichmal einer was zu den tollen Fotos?

    Ppph!

  2. Boah, das letzte Foto ist ja regelrecht rebellisch. ;)

  3. Tja-jaaa!! Das waren wilde Zeiten…

  4. Ich hab’ mich nicht getraut…zuzugeben, daß meine Fotos aus ungefähr gleicher Zeit mit ähnlich jüngerer Schwester genauso aussehen.
    Und das mit dem baum - ich kann das ja soooo verstehen! *tränewegwisch*

  5. Hach.
    Na komm’ Se, Frau B., trösten wir uns gegenseitig.
    :O]

    (Daß mit den Fotos und so find ich ja grandios. Sahen Sie in Ihrer Pubertät auch so scheiße aus?)

  6. Noch scheißiger! Was aber überwiegend an meiner damals noch unkontrolliert wachsenden Naturkrause sowie natürlich der damaligen “Mode” lag.
    Ich suche gelegentlich mal ein Foto raus.
    Muß mir aber erst noch ein bißchen Mut ansaufen. ;-)

  7. Tun Sie das. Sie haben sicher noch einen Rest Glühwein im Hause, damit geht’s ja doch sehr schnell.

  8. Woher wissen Sie das mit dem Glühwein???

    Ist das üblich, daß man Mitte Januar Reste davon hat?
    Ich trinke den übrigens mit 2 TL Zucker, dann geht’s schneller.

  9. Ich hab zwar keinen, aber sonst hatte ich immer noch welchen übrig. Weil, erst kauft man ganz viel davon, doch dann hat man den schnell über, außerdem kann man nicht so viel davon… ämm… trinken.

  10. Genauso ist das.
    Ich glaube, nächsten Winter kaufe ich gar keinen mehr, weil der eh nur auf’m Weihnachtsmarkt am besten schmeckt.

    (Ja-ha, ich lese auch noch auf Seite 2 mit.)

  11. (Das ist sehr löblich.)


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